Reife ist eine Vorstellung

Frage:Kannst du über den Zustand der Reife ein wenig ausführlicher sprechen? Wie bereitet man sich auf dieses Verstehen vor?

Mooji:Zuerst einmal seid ihr alle reif. Wie weiß man das? Du brauchst es nicht wissen. Es gibt keine Kontrollliste. Reife ist eine Vorstellung. Wenn du an ihr als eine Vorstellung festhältst, wird sie dich erwürgen. Es wird dich veranlassen, nach mehr Reife zu suchen. Du bist jenseits aller Reife und jenseits jedes Bewusstseins. Worauf ich wirklich hindeute, ist das, was du bereits bist, nicht was du werden sollst, weil wenn du das noch nicht bist, was auch immer du wirst, das wird gleichfalls nicht bleibend sein. Alles, was nicht bleibend ist, ist nur Nahrung für das Bewusstsein. Daher ist dies keine Einladung reif oder reifer zu werden. Noch bevor du jegliche Vorstellung von Reife anfasst, bist du das unberührte Bewusstsein. Das ist, was von Belange ist. Bleibe in dieser Erkenntnis. Ich weise auf nichts hin, das man mit etwas anderem vergleichen kann, sondern darauf, was jenseits jedes Vergleichens liegt, wo die Fähigkeit zum Vergleichen entsteht - dieser Zustand vor irgendetwas anderem, das gemessen und bewertet werden kann. Das ist alles, worauf hingedeutet wird, und sobald es als etwas Phänomenales oder Getrenntes wahrgenommen wird, entfernt man sich vom Bewusstsein und bewegt sich in Richtung Gedanken. Wir können sogar ein Bild von Leere entwerfen. Der Verstand ernährt sich von Vorstellungen. Sobald du 'absolut' sagst, wird dir der Verstand ein Gefühl oder einen Geschmack davon hervorzaubern, und es wird sich immer von jenem unterscheiden, das hier im jetzt ist. Halte daher an keine Vorstellungen fest. Möge es noch so tiefgründig und saftig sein, nie kann es dir eine Definition davon geben, was du bist. Es beinhaltet dich nicht. Du musst davor sein. Aber dieses du, höre es und lass es fallen, du ohne Eigenschaften. Irgendwo weißt du, dass du bist. Aber wenn du wirklich gefragt wirst, was das ist, wirst du zuerst deinen gewohnten Wortschatz verwenden um es zu beschreiben. Aber genau da - im Hören dieser Worte - wirst du sie ablehnen müssen. Sie können das nicht sein.
Angenommen, jemand hat das Verlangen sein wahres Sein kennen zu lernen, und sein Verlangen ist so stark, dass ihm sogar die höchsten Wesen im Universum erscheinen und zu ihm sagen: 'Mein Lieber, wir haben deine Gebete erhört und sind zutiefst von deiner Aufrichtigkeit berührt, und wir haben all unsere Kräfte gesammelt um dein Selbst zu finden. Hier ist es.' Du wirst niemals etwas betrachten und sagen können 'Das bin ich', auch wenn es noch so schön ist. Du kannst nicht auf ein Objekt oder Phänomen zeigen. Du musst vorher sein um sagen zu können: 'Das bin ich' Daher ist der Zweck dieses Beispiels, dass du niemals etwas sein kannst, das du begreifen oder dir vorstellen kannst. Wenn so etwas erscheint, muss es in etwas erscheinen, das vorher ist. Die Schauspieler werden nicht auf eine Bühne treten, wenn es keine Zuschauer gibt. Du beobachtest ihr Auftreten. Wenn du das wirklich verstanden hast, siehst du, dass du nichts Ewiges erreichen kannst, das nicht bereits hier ist. Wenn etwas kommt, wird es auch wieder verschwinden. Etwas ist jedoch anwesend, das dieses Kommen und Gehen wahrnimmt. Das ist es, worauf ich hindeute. Was ist das? Kann es etwas anderes als du sein? Genau hier, genau jetzt, wo ist das? Befindet es sich am Ende irgendwelcher Übungen? Kannst du sagen 'Gut, ich nähere mich dem'? Wir sind sehr verleitet vom Versprechen sich einem Ziel zu nähern oder beinahe am Ziel angelangt zu sein.
Was auch immer du erblicken wirst, ist bereits wo du begonnen hast zu blicken. Du bist bereits das! Du fragst den Verstand von dieser Wahrheit überzeugt zu sein, aber der Verstand wird nie breitwillig mit etwas zusammenarbeiten, das ihn überflüssig machen wird. Es gibt da ein sehr schönes Beispiel von Sri Ramana. Er hat es folgendermaßen ausgedrückt: Er verglich es mit einem Dieb, der sich in einen Polizisten verwandelt, den Dieb aussendet um sich dann selbst zu fangen. Wenn du dem Verstand den Auftrag erteilst, dem Absoluten nachzujagen, zu verfolgen, dann wird er diese Aufgabe lieben: "Oh, ich hatte es beinahe!", oder "Knapp verfehlt!" Du kannst dorthin nicht durch deinen Verstand gelangen. Betrachte den Verstand als das, was es ist. Sieh, dass du bereits die ganze Zeit da warst, und das Kommen aller Wahrnehmungen beobachtet hast und sieh, dass etwas hinter allem ist, das alle Bewegungen beobachtet. Du beobachtest jegliche Bewegung. Zuerst bist du. Du kennst sogar Wissen, aber wir richten unsere Aufmerksamkeit nicht wirklich auf die Quelle. Wir fangen die Gedanken und Vorstellungen ein, surfen in ihnen herum. Sie führen dich nur weg. Aber du kannst das, was in deinem Kopf oder Bewusstsein auftaucht, beobachten und erkennen, dass du ganz einfach eine Art Bewegung beobachtest. Wenn du auf diese Weise betrachtest, kannst du zumindest bestätigen, dass du nur eine Bewegung beobachtest: Gedanken kommen, manche fühlen sich fürchterlich intensiv an - eine Bedrohung z.B. - du schließt die Augen und öffnest sie wieder, und der Gedanke ist weg. So viele Bedrohungen, und doch bist du noch immer hier. Du beobachtest ihr Kommen und Gehen. Nicht wahr? Wenn du nun diesen Gedanken nicht berührst, genau hier und jetzt, trotz seines Erscheinens, und das Gefühl "Ich muss etwas dagegen tun" nicht anfasst, dann kannst du es einfach ansehen, wie den Verkehr. Nichts kann dich berühren, wenn du nur als Bewusstsein verbleibst. Urteilen kommt hoch, berühr es nicht. Das Gefühl "Ich kann das nicht ertragen" ist auch nur eine Idee, ein Gedanke. Beobachte nur.
Wenn du beobachtest, fass nichts an. Einfach beobachten. Denke nicht: "Oh, das sollte ich nicht denken oder sein". Dann flaut augenblicklich diese Energie ab. Und falls sie nicht abflaut, warte nicht darauf, dass sie abflaut. Das ist jedoch unsere übliche Neigung, nämlich unsere Gedankenangriffe am Leben zu erhalten. "Ich kann heute meine Freunde nicht treffen, weil ich einen dieser Tage habe, ich muss warten, bis die Wolken vorübergezogen sind." Das ist auch nur ein Gedanke. Und du denkst "Ich kann nichts dagegen tun". Aber es geschieht nur, weil du etwas dagegen tun willst und dann kommt es zu Frustration. Es geschieht nur, weil du dich daran beteiligst. Manchmal gehen Leute nur zum Satsang, weil sie genug von der Welt haben und nur noch frei sein wollen. Und für ein paar Tage wird wirklich zugehört aber plötzlich wird nicht mehr gekommen. Wenn ich dann jemanden frage, was los ist, wird oft geantwortet: "Er hat sich mit seiner Frau gestritten und sie haben sich getrennt." Manchmal kommt man nur zum Satsang um seine Probleme zu bereinigen, als vielmehr zur Wurzel aller Probleme zu gehen. Daher ist Satsang keine Medizin, kein Allheilmittel um zu stoppen, was und wie das Leben eben ist, da das Leben nur so ist, wie du es betrachtest! Es ist kein Warten auf ein Resultat.
Ganz einfach, ruhig und sanft das Kommen und Gehen ansehen. Das bedeutet nicht, dass du wie ein Eisblock herumsitzen sollst, den nichts berührt, da dies auch wiederum nur eine Vorstellung, ein Gedanke ist. Lass einfach alles geschehen. Stülpe keine weiteren Bedingungen über deinen Kopf, wie du sein sollst. Das machen wir ständig. Du erzeugst die Atmosphäre deiner innersten Gefühle. Wenn du nicht ständig alles bedenkst, wirst du sehen können: "Gut, jetzt kommt dieses und nun jenes." Du bist dir dessen bewusst, lass es kommen, lass es gehen und verbleibe als "Ich bin".
Wie Sri Nisragadatta so schön gesagt hat "Ich verlasse meine menschliche Natur um mich meiner Bestimmung gemäß zu entfalten. Ich verbleibe als 'Ich bin'". Er sagte nicht: "Sieh, ich versuche mein Leben zu meistern". Diese Einladung ist kein Selbstverbesserungskurs. Es ist das Entdecken deiner selbst, was du immer schon gewesen bist. Und was du bist, hat keine vorzügliche Ansammlung von Gedankenvorstellungen, die du erhalten musst. Wenn du dieses Ich 'hinter' allem mehr und mehr erkennst, gibt es nichts, das dieses Ich anfassen oder erzeugen kann um zu sagen, dass es das bedeutet. Ich kann kein Bild davon malen. Es ist nur diese Empfindung 'Ich bin'. Ich bin mir sogar dieses Bewusstseins bewusst. Was kann ich sein? Du nimmst immer noch alles wahr. Aber du hältst an keinem Ergebnis fest. Ohne dich in den nächsten Augenblick hineinzubewegen, kannst du - ohne dich auf etwas zu freuen - nur sein? Der Verstand blickt ständig in die Vergangenheit oder Zukunft. Warum? Weil er nie wirklich im Hier und Jetzt zufrieden ist einfach zu sein. Der nächste Moment ist vielleicht ein besserer oder ein perfekterer Moment. Das ist die Reise. Genau hier. Genau in diesem Augenblick. Fass die Vergangenheit nicht an. Fass keinerlei Vorstellungen an. Was bist du? Wir haben das Gefühl, irgendwelche Hilfen zu brauchen. Wir bekommen so viele Hilfen. Es ist als ob jemand einem Kind seinen ersten Spazierstock gäbe und sagen würde: "Den brauchst du um im Leben voranzukommen", und später gäbe ihm noch jemand einen. Mit 15 hätte es viele Wanderstöcke und immer noch hätte es das Gefühl, dass es diese braucht, ohne sie jemals zu hinterfragen. Dann kommt vielleicht Frustration auf. Und es trifft vielleicht jemanden, der sagt: "Du brauchst diese Stöcke nicht, lass sie einfach los." Und es entsteht Angst, als Krüppel zu verbleiben. Allmählich vertraust du jedoch genug. Und Vertrauen ist so wichtig. Vertrauen bedeutet nicht alles zu glauben, was ich sage, es bedeutet nur dieser Einladung gegenüber so offen zu sein, wie du kannst. Nach und nach lässt du irgendwie die Stöcke los, und dann kannst du tanzen. Solange du die Stöcke nicht loslässt, weißt du nicht, dass du tanzen kannst.